Langzeitstillen

Langzeitstillen: Wie lange stillen ist genug?


In westlichen Ländern ist es weit verbreitet, ein Baby innerhalb des ersten Lebensjahres abzustillen. Allerdings entscheiden sich in den letzten Jahren immer mehr Mütter für Langzeitstillen, d.h. für das Stillen auch über das erste Lebensjahr des Säuglings hinaus – denn bei näherem Betrachten hat dies durchaus Vorteile für Mutter und Kind und entspricht dem natürlichen Umgang mit Kleinkindern.

Wie lange stillen ist normal?

Wie lange sollte man stillen? Auf diese Frage gibt es viele verschiedene Antworten.

Die WHO empfiehlt, ein Baby sechs Monate ausschließlich zu stillen und danach mindestens zwei Jahre weiter zu stillen.

Trotzdem empfehlen immer noch viele Kinderärzte und Zahnärtze, mit der Beikosteinführung möglichst schnell auf Breinahrung umzusteigen, weil sonst angebliche Mangelerscheinungen und kariöse Milchzähne drohen.

Auch von älteren Generationen wird eine kurze Stillzeit aus verschiedenen Gründen propagiert. So wird zum Beispiel Müttern, die ihre Kinder lange stillen, ein gestörtes Bindungsverhalten unterstellt. Sie würden ihre Kinder zur Unabhängigkeit erziehen und könnten nicht loslassen. Nach wie vor ist Langzeitstillen gesellschaftlich nicht sehr weit verbreitet und Mütter, die Kleinkinder stillen, haben mit Anfeindungen oder zumindest mit schiefen Blicken zu kämpfen.


Biologisch gesehen ist eine Stillzeit von 2 – 7 Jahren normal. Denn so lange hält der Saugreflex beim Kind an, der seine Entwicklung positiv beeinflusst und beruhigt. Irgendwann im Laufe dieses Zeitraumes würden alle normal entwickelten Kinder von selbst aufhören, an der Brust zu trinken.

In anderen Erdteilen ist es völlig normal, dass auch ältere Kinder noch gestillt werden. Von gesellschaftlichem Druck und angeblichem Nährstoffmangel wissen die Menschen dort nichts. Sie handeln nach ihrem Mutterinstinkt und ernährungsphysiologischen Notwendigkeiten. Das durchschnittliche Abstillalter bei Naturvölkern liegt bei etwa 3 Jahren.

Das deutsche Gesetz sieht seit Anfang 2018 eine Norm für die Länge der Stillzeit vor: Im Mutterschutzgesetz gibt es einen Anspruch für berufstätige Mütter, die arbeiten und stillen, auf zusätzliche Pausenzeiten. Allerdings gilt diese Regelung nun nur noch für das erste Lebensjahr des Kindes.

Langzeitstillen: Die Vorteile

Die Vorteile einer langen Stillzeit sind mittlerweile wissenschaftlich belegt. Stillen über den 12. Lebensmonat hinaus hat für das Kind langfristige gesundheitliche Vorteile, zum Beispiel in der Ausbildung des Immunsystems und der Prävention von Nahrungsmittelunverträglichkeiten und entzündlichen Darmerkrankungen. Dafür reicht es, wenn ein Kind ein oder zweimal am Tag stillt. Die Muttermilch enthält im zweiten Lebensjahr sogar mehr Antikörper, als im ersten. Gestillte Babys werden deshalb weiterhin weniger krank, benötigen seltener Antibiotika oder andere medikamentöse Eingriffe ins Immusystem.

Sollte doch einmal ein schwerer Infekt auftreten, schützt das Stillen vor Dehydration – denn im Gegensatz zur Flasche oder fester Nahrung nehmen Stillkinder auch weiterhin die Brust, wenn sie schwer krank sind. So können eventuelle Krankenhausaufenthalte und Infusionen vermieden werden.

Kinder, die im 2. Lebensjahr noch etwa 500ml Muttermilch am Tag trinken, sind bei gleicher Nahrungsmenge nachweislich besser mit Vitaminen und Mineralstoffen versorgt, als Kinder, die nur feste Nahrung aufnehmen. Denn auch im zweiten Lebensjahr stellt die Muttermilch alles zur Verfügung, was Kinder zum gesunden Wachsen brauchen. Zudem enthält die Muttermilch Enzyme, die die Aufnahme von Nährstoffen aus der Beikost verbessern.

Laut einer Langzeitstudie des Telethon Institute for Child Health Research in Perth (Australien), die seit 1989 läuft, wirkt sich lange stillen auf die psychische Gesundheit aus – bis ins Erwachsenenalter. In der Studie wiesen gestillte Kinder viel weniger psychische Störungen und Auffälligkeiten wie Depressionen oder aggressivem Verhalten auf. Der Studie zufolge sinkt das Risiko, später psychisch auffällig zu werden, je länger man als Kind gestillt wurde. Andere Studien fanden Hinweise, dass die langkettigen Fettsäuren aus der Muttermilch die Entwicklung des Gehirns positiv beeinflussen.

Warum ist Langzeitstillen nicht die norm?

Laut einer Umfrage zur Zufriedenheit mit dem Zeitpunkt des Abstillens in Deutschland 2017 gaben 22% der Mütter an, dass sie ihr Baby gerne bedeutend länger gestillt hätten. Warum ist das so? Während manche Mütter sicherlich aus körperlichen oder persönlichen Gründen abstillen, gibt es vermutlich auch viele, die sich dem gesellschaftlichen Druck beugen. Denn häufig verstehen Großeltern und Väter der Babys nicht, warum eine Mutter länger stillen möchte. Die weit verbreitete Meinung, dass die Muttermilch nach dem ersten Lebensjahr keinerlei Mehrwert für das Kind hätte oder sogar Langzeitstillen schädlich sei, hält sich leider hartnäckig.

Wie lange wird in Deutschland gestillt?Anteil
jemals gestillt82%
bis 6 Monate voll gestillt17,7%
länger als 1 Jahr gestillt9%
länger als 2 Jahre gestillt1%
Durchschnittliche Stilldauer7,5 Monate

Quelle: Bundesgesundheitsbl 2014

Auch dass Langzeitstillen psychische Folgen für das heranwachsende Kind hätte, ist ein solches Gerücht. Oder, dass sich im zweiten Jahr mehr Schadstoffe in der Muttermilch befinden. Dafür gibt es keine Hinweise in wissenschaftlichen Untersuchungen. Wer trotzdem unsicher ist, kann seine Muttermilch übrigens auch auf Schadstoffe hin untersuchen lassen.

Manche Mütter haben auch Angst, dass langzeitgestillte Kinder sich nicht mehr abstillen lassen würden. Tatsächlich ist es so, dass die meisten Kinder, die frei über das Stillen entscheiden dürfen, zwischen zwei und vier Jahre lang stillen und sich dann selbst abstillen.

Der einzige echte „Nachteil“, den das Langzeitstillen möglicherweise mit sich bringt, ist eine gewisse Einschränkung der Mutter. Sie muss während der gesamten Stillzeit besser auf sich und ihren Körper achten, sich gut ernähren und nicht nach Belieben Alkohol trinken. Das Gerücht, dass stillende Mütter nicht abnehmen dürften, ist übrigens mittlerweile wiederlegt. Auch dass Langzeitstillen den Körper der Mutter „auszehre“ ist nicht wahr. Im Gegenteil kann sich der Verzicht auf Alkohol und andere Genussmittel und die ausgewogene Ernährung sogar sehr positiv auf das körperliche Wohlbefinden auswirken.

Woher kommt die distanz zum Baby?

Und die sonstigen Einschränkungen sind häufig auch und vor allem Wahrnehmungssache. Vom Umfeld bekommt man als Mutter suggeriert, dass es wichtig und erstrebenswert wäre, möglichst schnell ein unabhängiges Leben vom Kind führen zu können. Dabei kann es auch etwas wahnsinnig Schönes sein, so viel körperliche und emotionale Nähe zu seinem Kind aufrecht zu erhalten. Groß und unabhängig werden sie noch schnell genug, meist schneller, als den Eltern lieb ist.

Hintergrund dieser Wahrnehmung der Nähe zum Kind als etwas Negatives ist der in westlichen Gesellschaften verbreitete distale Pflegetyp. Das bedeutet, dass ein Baby und Kleinkind zwar optimal mit allem materiellen und auch Zuneigung versorgt wird, körperlich aber rasch unabhängig werden soll. Mit eigenem Bett / Kinderzimmer, Flaschenmilch, Kinderwagen, Wiegen und Stubenwagen wird die Erziehung zur Distanz möglichst früh aufgenommen. Im Gegenzug dazu steht die proximale Pflege, das heißt eine Kindererziehung in unmittelbarer körperlicher Nähe. Dazu gehört das Langzeitstillen ebenso wie das Familienbett und das Tragen seiner Kinder.

Quellen: 

  • Bundesgesundheitsblatt 2014 ∙ 57:849–859, E. von der Lippe · A.-K. Brettschneider · J. Gutsche · C. Poethko-Müller · KiGGS Study Group: Einflussfaktoren auf Verbreitung und Dauer des Stillens in Deutschland Ergebnisse der KiGGS-Studie – Erste Folgebefragung (KiGGS Welle 1)
  • Lothrop, Hannah: Das Stillbuch. München: Kösel, 2008.
  • Weigert, Vivan: Stillen. München: Kösel 2010.